Depperte Dinge in „Das Boot – Die Serie“

Jetzt wird es nerdig, aber als U-Boot-Roman-Autor hilft’s ja nix: Die Schwächen, Fehler und Ungenauigkeiten der neuen U-Boot-Serie von Sky sind zu hahnebüchen, um sie den Machern durchgehen zu lassen. Trotz oder gerade wegen der teils unterhaltsamen Handlung wird geschlampt, was das Zeug hält. Im Folgenden liste ich daher einige Fehler „auf See“ auf – die historischen Verfehlungen der (seltsamen) Handlungen an Land schenke ich mir weitestgehend.
Für alle also, die die Serie gesehen haben, und interessiert sind an einem Abgleich: Viel Spaß. Für alle anderen: Vorsicht, Spoiler.

Gleich zu Beginn der Serie versenken Zerstörer ein deutsches U-Boot. Das ist kein Wunder. Die Besatzung macht soviel falsch, ein paar Kumpels und ich hätten das besser gekonnt. Die Crew hört die nahen feindlichen Zerstörer, aber sah sie zuvor nicht? Sind die Ausgucks blind? Kein Wunder bei dem Kommandanten, der sich selbst zur Wache einteilt und dann wegen ein paar Delfinen nicht aufpasst.

  • Wenn Zerstörer mit Wasserbomben angreifen, müssen getauchte U-Boote ausweichen. Darauf hatte die Besatzung offensichtlich keinen Bock, die Manöver sind käse.
  • Das U-Boot säuft denn auch ab. Und zwar wie in einem Emo-Traum von Serienfilmproduzenten, die zuviel Geld und Zeit haben: schön schaurig und getragen. Die Wirklichkeit ist wahrscheinlich prosaischer: Der Strom würde ausfallen, es würde dunkel, Wasser füllte das Boot in sekundenschnelle und die Lungen zerplatzten. Keiner kann sich mehr erschießen wie dargestellt, Handschusswaffen lagen nicht herum.
  • Kommandos und Befehle stimmen nicht m. E. („Aufwärts“ statt „Mann auf Brücke“)

Im weiteren Verlauf der Serie sticht U 612 in See. Was man dann für eine Feindfahrt mitansehen muss, wäre wohl entweder als Schande oder Lachnummer der U-Bootflotte in die Geschichte eingegangen, ganz wie man‘s nimmt.

  • Die Offiziersmützen wirken grotesk, sind wohl einen Tick zu groß geraten. Machen der nordkoearnischen Militärmode aber alle Ehre!
  • Erfahrene U-Bootkommandanten waren knapp (es ertranken zu viele, bei gleichzeitiger hoher U-Bootproduktion). Das Übergehen eines fähigen Oberleutnants und die Bevorzugung eines unerfahrenen Offiziers ist daher konstruiert, um einen künstlichen Konflikt zu schaffen.
  • Der übergegangene Offizier benimmt sich schlecht – nachvollziehbar im Fernseh-Paralleluniversum. In Wirklichkeit wäre er vorm Kriegsgericht gelandet und direkt erschossen worden (Nicht melden von Feindkontakt, willkürliche Rekrutierung, Übergehen des Kommandanten, Gefährdung von Boot und Besatzung, Pflichtvernachlässigung, Körperverletzung).
  • Ein bayerischer Torpedomechaniker benimmt sich schlecht – spannend im Fernseh-Paralleluniversum. In Wirklichkeit wäre er vorm Kriegsgericht gelandet und womöglich erschossen, mindestens an die Ostfront strafversetzt worden (eigenmächtiges Befehlen zum Laden der Torpedos, Verursachen eines schweren Unfalls, Körperverletzung, Rumschreierei bei Schleichfahrt, Drangsalierung von Kameraden). Seine Vorgesetzten müssen blind und taub sein, den frei drehenden Mann nicht zu bemerken.
  • Kaleu Hoffmann und sein I WO sind dafür in der Lage, sich jeden Tag auf See so glatt zu rasieren, dass ihre Gesichter für Rasier-Werbung taugen. Und das bei einer einzigen Toilette für 50 Mann! So etwas hats zwar gegeben, diese Offiziere galten aber als Spießer (laut Lothar-Günther Buchheim). Die allermeisten U-Bootfahrer ließen sich Bärte wachsen. Spießer!
  • Der amerikanische Gefangene wäre aufgrund seines Geheimwissens über U-Boote nicht ausgetauscht worden, sondern in den Knast eingefahren (oder direkt als Spion erschossen worden). Reine, willkürliche Konstruktion, dieser Charakter.
  • Dass U-612 am Untergang von anderen U-Booten schuld sein soll, wie vom I WO behauptet, ist völlig gaga. Fake News! Der Mann ist wohl Verschwörungstheoretiker! Ach, er ist ja schon rechtsradikal …
  • Wie sie es schaffen, die Korvette in Folge 4 zu versenken, ist mir ein Rätsel. Das feindliche Schiff agiert mit der KI von U-Bootspielen aus den 90ern.
  • U 612 will einem Kampf ausweichen, in dem es „die Geleitzugsroute untertaucht“: völliger Hirnriss. Wer nur eine Seite über die Atlantikschlacht recherchiert hat, verzweifelt an solchem Unfug. Die Geleitzüge zu FINDEN war die Herausforderung, nicht ihnen auszuweichen! Es gab keine „Routen“, das war ja das Problem … ach, egal.
  • Das ganze Treffen mit den Amerikanern in Folge 4 ist Fiktion aus Absurdistan. Das Austauschen des U-Boot-Kommandanten ebenso (auch wenn es Gefangenenaustausche gab, aber nicht auf See). Der „Delfin“-Kommandant ginge wahrscheinlich vors Kriegsgericht, denn es wäre Befehlsmissachtung zu fordern, das amerikanische Schiff zu versenken.
  • Zum Schluss wage ich kurz den Landgang. Die Handlungen dort halte ich für Eventfernsehen, realitätsfern und unnötig. Dabei erkenne ich  an, dass die Autoren viel von Dramaturgie und Spannung verstehen. Aber was soll die lesbische Liebeszene? Ich habe grundsätzlich überhaupt nichts dagegen, nur: In einem Zweiter Weltkrieg-Unterwasser-Technik-Thriller? Ist das eine neue Erzähltechnik? Beginnt der nächste Marvel-Streifen mit einer Vorlesung im Verfahrensrecht ? Spielt der neue Indiana Jones demnächst  in Marzahn, von Christian Petzold in schwarz-weiß inszeniert: „Aus der Stille entspringt ein Stuss“?

Und das waren nur die ersten 4 Folgen.

Ich habe womöglich auch Fehler gemacht in meinem U-Boot Roman. Aber im Gegensatz zur Sky-Serie unfreiwillig. Den Machern war jedes Mittel recht, um den Zuschauer bei der Stange zu halten. Ich finde es schade und auch unredlich. Die Fehler waren vermeidbar, in der Vorbereitung wurde geschlampt.
Manches ist professionell an der Serie. Manches nicht.

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